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[24.6.2007]

Die eGesundheitskarte kommt?

Bundesausschuss LogoDie elektronische Gesundheitskarte wird zur Zeit in sieben Regionen Deutschlands getestet. Das Projekt ist nicht unumstritten. So hat der Deutsche Ärztetag die eGesundheitskarte in der jetzigen Form abgelehnt, da sie keinen belegbaren medizinischen Nutzen bringt, dafür aber mit erheblichen Kosten verbunden ist und die Praxisabläufe behindert. Über die Folgen der neuen Karte für die Pflege wird öffentlich noch gar nicht gesprochen.

Informationen zum erhofften Nutzen der eGesundheitskarte findet man auf der offiziellen Internetseite www.die-gesundheitskarte.de. Die neue Chipkarte soll zukünftig die zur Zeit übliche Krankenkassenkarte ersetzen. Neu ist, das auf der elektronischen Gesundheitskarte weitere Informationen gespeichert werden können. Diese bestehen aus einem Pflicht- und einem zweiten freiwilligen Teil. Im Pflichtteil sind die Angaben zur Person und der Krankenkasse gespeichert, dazu kommt die elektronische Übermittlung von Rezepten. Auf der Rückseite kann die Berechtigung für die Behandlung im Ausland gespeichert werden.
Der eigentlich interessante Teil ist der zweite, wo die Dokumentation verordneter Arztneimittel, Notfalldaten und zum Ende der Entwicklung auch der Zugang zu einer Netzwerk-basierten elektronischen Patientenakte gespeichert werden können. Über die freiwilligen Daten kann jeder Patient und jede Patientin bestimmen und auf die Löschung von Daten bestehen. Der Zugriff auf die Daten ist nur mit zwei "Schlüsseln" möglich. Der erste Schlüssel ist der personalisierte elektronische Heilberufeausweis und der zweite die persönliche Gesundheitskarte des Patienten. Eine dritte Sicherung ist die Eingabe einer PIN. Nur auf die Notfalldaten kann mit dem Heilberufeausweis allein zugegriffen werden kann. Bei den Notfalldaten können frühere Diagnosen, Arztneimittelunverträglichkeiten, operative Eingriffe, Schutzimpfungen und Informationen über notfallrelevante Medikationen, auf Wunsch auch eine Patientenverfügung und eine Erklärung zur Organspende hinterlegt werden.

Mit der Gesundheitskarte wird alles besser?

Mit der elektronischen Gesundheitskarte sollen Prozesse, wie z.B. der Umgang mit Verordnungen vereinfacht werden. Bisher werden Rezepte in einem Computer erstellt, ausgedruckt und beim Apotheker abgegeben, wo sie wieder digitalisiert werden müssen. Dieses Verfahren soll zukünftig papierlos erfolgen. Das Rezept wird dann vom Arzt ausgestellt und auf der eGesundheitsskarte, oder auf einem eRezepte-Server gespeichert. Zusätzlich könnte für Patienten ein Papierbeleg ausgedruckt werden. Für das Einlösen des Rezeptes muss der Patient dem Apotheker die Gesundheitskarte überlassen, damit er das Rezept von der Karte oder dem Server abrufen kann.
Für Pflegebedürftige, die oft nur mit Hilfe die Wohnung verlassen können, ist es heute möglich Folgeverordnungen telefonisch in der Praxis zu bestellen, das Rezept von der Apotheke abholen und das Medikament liefern zu lassen. Würde das System auf elektronische Rezepte umgestellt, müsste immer die eGesundheitskarte in die Praxis und in die Apotheke getragen werden. Da vertrauliche Daten auf der Karte gespeichert werden sollen, verbietet es sich die Karte mit der Post zu schicken. Wer sollte diese Botendienste übernehmen? Pflegende Angehörige leben meist schon heute an ihrer Belastungsgrenze.

Viele Fragen sind noch ungeklärt

Die Alltagserfahrung ganz normaler Computernutzer lehrt: Betriebssysteme können abstürzen und Netzwerkverbindungen zusammenbrechen. Aber wie werden Rezepte eingelöst, wenn die Verbindung zum eRezepte Server unterbrochen ist? Nicht nur eGesundheitskarte und Heilberufeausweis müssen im System angemeldet werden um sie nutzen zu können, sondern auch Kartenleser, Computer, Netzwerkgeräte ... Was passiert, wenn während einer "Sitzung" ein Element der Kette versagt? Bricht alles ab und es muss von vorn begonnen werden?
Der Heilberufeausweis ist ein personenbezogener Ausweis z.B. für Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Apothekerinnen und Apotheker und "weiteres zugriffberechtigtes Personal". Der Alltag in einer Praxis oder im Krankenhaus ist hektisch. Wem über eine Karte die eigentlich nur auf einen Arzt zugelassen ist, tatsächlich Zugang zu den Daten ermöglicht wird, ist fraglich. Bisher wird, vor allem in Krankenhäusern, auch dann sehr viel an den Patientenakten gearbeitet, wenn die Kranken nicht im Raum sind. Wie könnte eine elektronische Patientenakte einerseits zugänglich, andererseits aber vor Manipulationen geschützt werden? Unklar bleibt auch, wer außer ärztlichem und Apotheken Personal noch Anrecht auf einen Heilberufeausweis bekommen könnte. Sanitätshäuser und therapeutische Praxen müssen auch Rezepte abrechnen, stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen müssen verlässlichen Zugriff auf ärztliche Anordnungen haben, die sie ausführen sollen (Medikamentengaben, Wundverbände ...). Soll es Pflegenden ermöglicht werden Informationen zu den elektronischen Patientenakten beizutragen (etwa Blutzuckerwerte)?
Unklar bleibt wie die Krankenkassen mit den Daten umgehen werden. Die Financial Times Deutschland, vom 23.06.2007 berichtet wie Krankenkassen schon jetzt Daten auswerten und dazu verwenden Ärzte zu einem kostengünstigeren Verschreibungsverhalten zu bringen oder Rabattverträge für Medikamente auszuhandeln.
Es besteht die Möglichkeit sehr persönliche Daten auf der Karte zu speichern. Auch wenn die Sicherung über die beiden Schlüssel schon recht sicher ist, so konnten bisher noch fast alle Sicherungssysteme übergangen werden.

Kosten?

Die Projektgesellschaft Gematik beziffert laut der c't (Ausgabe 12/2007, Seite 52) die Kosten für die Bereitstellung der Infrastruktur auf 1,6 Milliarden €. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt im April 07 von 1,4 Milliarden €. Im Juli 06 schreibt die Gematik: "Als Ergebnis sind in der 5-Jahres Betrachtung sämtliche Anwendungen defizitär, da der Nutzen nach Abzug der anwendungsbezogenen Ausgaben in Höhe von ca. 2 Mrd. Euro nicht die Gesamtkosten der Infrastruktur von 2.8 Mrd Euro aufwiegt." Im gleichen Bericht der Gematik wird für die Infrastrukturkosten eine Schwankungsbreite von 2,4 bis zu 3,6 Milliarden Euro angegeben.
Unklar bleibt, in wie weit die Kosten für die Schulung von MitarbeiterInnen, und für die Anschaffung von aktueller Hard- und Software in Praxen, Apotheken und Pflegeeinrichtungen hier bereits berücksichtigt sind. Im Alltag werden auch weniger Ministerien und Krankenkassen die Fragen von Patienten zu Pflichtinformationen, Datenschutz und freiwilligen Speicherinhalten beantworten müssen, sondern die Heilberufe. Würden diese Beratungsleistungen erstattet entstünden weitere Kosten (etwa 15 € Beratungshonorar bei ~70 Millionen Versicherten). Bei einer so hohen Summe muss man sich Fragen ob den Kosten auch ein dementsprechender Nutzen gegenüber steht. Das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung hat eine Vortragsreihe über "Die elektronische Gesundheitskarte - was sie kostet und wem sie nutzt" veröffentlicht. Über die Sicht der niedergelassenen Ärzte sprach Dr. med. Peters, er sieht Risiken bei der elektronischen Gesundheitskarte in den technischen Pannen, den hohen Betriebskosten und dem persönlichen Mehraufwand, dem stünden aber weder eine Reduktion des Verwaltungsaufwandes, noch eine Arbeitserleichterung oder eine Kommunikationsverbesserung gegenüber.
In den Niederlanden wurde, laut Aussage von Herrn Thoss, DRK Kliniken Berlin, ein ähnliches Kartenmodell getestet und aus Kostengründen verworfen.
Dagegen sieht Dr. Paquet des BKK Bundesverbandes langfristig einen größeren Nutzen der Gesundheitskarte. Laut einer Umfrage im zweiten Halbjahr 2006 beurteilen 56% der BKK Versicherten die elektronische Gesundheitskarte positiv.

Geht es nicht auch einfacher?

Es wäre vorstellbar, nach dem Vorbild der DDR, alle Versicherten mit einem Heftchen aus Papier auszustatten, das alle wichtigen Informationen enthielte. Welchen zusätzlichen Nutzen hat die eGesundheitskarte für die Menschen?

Links zum Thema:

Aufzaehlung Beschluss vom 110. Deutschen Ärtzetag
Aufzaehlung offizielle Informationen die-gesundheitskarte.de
Aufzaehlung Artikel der FTD zu den vorhandenen Möglichkeiten der Krankenkassen Daten auszuwerten
Aufzaehlung Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH gematik
Aufzaehlung Die Gematik hat am 31. Juli 2006 einen Bericht zu voraussichtlichem Nutzen und den Kosten fertig gestellt. Den Bericht gibt es als pdf-logo -Datei [~1,7 MB] auf den Servern des ChaosComputerClubs
Aufzaehlung Vorträge des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung IGES
Aufzaehlung die eGesundheitskarte in der Wikipedia

Aufzaehlung Unsere Beiträge zur eGK vom 28. September 2007 , 6. März 2008, 2. Mai 2008 und 11. Januar 2012





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