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[12.9.2007]

Warum ich meine demente Mutter belüge

Ein lesenswertes Buch



Cover BildDie Lüge sei eine „absichtliche Falschaussage“ schreibt das Wörterbuch. Ohne Wahrheit also keine Lüge. Was ist richtig, wenn es nicht mehr möglich ist ein gemeinsames Verständnis über Realität zu erreichen? Gibt es dann noch Lüge? Wenn die Mutter sich weigert zu essen, weil die Kinder zu verständigen seien, die außer ihr aber niemand vermisst, könnte ein vorgetäuschtes Telefongespräch als Lüge verstanden werden. Die non-verbale Aussage in solchem Handeln ist: Wir möchten dass es dir gut geht, dass du zur Ruhe kommen, dein Essen und die Zeit mit uns genießen kannst. Das ist sicher wahr.
Das Leben der Großfamilie Offermanns hat sich zu einem unentwirrbaren Geflecht aus hier und dort, jetzt und Vergangenheit, Erinnerung und Gegenwart, Gesprochenem und Gemeintem, Liebe, Wut, Trauer, Apathie und Verzweiflung verwoben.
Die Mutter leidet an Demenz.
Cyrille Offermans beschreibt sehr viele Alltagsbeobachtungen zur gestörten Denkarbeit. Dabei geht es um Kreuzworträtsel, Nachrichtensprecher, Greifversuche, Geräuschwahrnehmung, Alkohol („Jedes Glas war ihr erstes Glas“). Es ist ein schleichender Prozess in dem die Fähigkeit den Alltag zu bewältigen und die eigenen Möglichkeiten einzuschätzen der Mutter nach und nach beinahe völlig verloren gehen. Der Sohn bekommt immer häufiger unbegreifliche Reaktionen auf seine Fragen und Anregungen. Er muss sich einen eigenen Reim darauf machen. Mit der Schwächung der Verständigung wird auch jedes WIR-Gefühl blasser. Offermanns erlebt schmerzhafte Einsamkeit und Verlorenheit bei ihr. Es bleibt Hoffnung auf überraschende Inseln der Erinnerung: einige Zeit können die beiden ein abendliches Ritual pflegen. Wenn endlich die Aufregungen und Überforderungen des Tages, die vielen Konflikte gemeistert sind und die Mutter im Bett liegt, gelingt ihr die Aufzählung nicht nur ihrer sechs Kinder sondern auch von deren Partnern und Kindern. Das erfreut beide.
Oft wird die Hauptlast der familiären Pflege von einer Person, meist einer (Schwieger-) Tochter getragen, die sich als Einzelkämpferin fühlt. Bei Offermanns sind sechs Kinder aktiv und kommen ins Haus ihrer Geburt in der Walramstraße zurück. Alle engagieren sich Monat für Monat mehr bei der Bewältigung der Krisen ihrer Mutter. Die Kinder haben auch ihre Berufstätigkeit, ihre Beziehungen, Familien die Energie fordern. Von diesen Belastungen schreibt Cyrille Offermans wenig.
Der Zustand der Mutter verschlechtert sich weiter und es wird auch ein ambulanter Pflegedienst einbezogen. Als es noch mehr Probleme gibt, verbringt Frau Offermans einige Tage die Woche in einer Tagespflegeeinrichtung. Schließlich kommt es so weit, dass schon wenige Minuten des Alleinseins für die Mutter meist unerträglich sind und auch nachts jemand bei ihr im Haus sein muss. Der Entschluss zum Umzug ins Heim erscheint dem Sohn als Niederlage, als Versagen.
In den Alltagsbeschreibungen finden sich auch Worte wie sabbern, schwachsinning, Hintern oder Insassen. Das ist irritierend für mich. Möglicherweise ist die Rohheit die daraus spricht Ausdruck der Hilflosigkeit des Intellektuellen im Umgang mit Körperlichkeit und in der Konfrontation mit den Grenzen des Kognitiven. Vielleicht sind die niederländischen Formulierungen aber auch weniger belastet als die deutschen Worte der Übersetzung.
Gegen Ende des Buches lebt Frau Offermanns einigermaßen friedlich in einer Pflegeeinrichtung. Besuche bei den Kindern waren so anstrengend, dass jetzt der Besuch zu ihr kommt. Ist dort Zu Hause? Die Lüge in einer Antwort wäre schwer auszumachen. Dem Sohn scheint es, dass sie sich dort genauso häufig fremd, genauso häufig geborgen vorkommt wie im Haus in der Walramstraße.

Cyrille Offermans
WARUM ICH MEINE DEMENTE MUTTER BELÜGE
Aus dem Niederländischen von Walter Kumpmann
im Verlag Antje Kunstmann
Original: „Waarom ik moet liegen tegen mijn demente moeder“, Cossee, Amsterdam 2006
128 Seiten, gebunden
€ 14,90 (D) | 15,40 (A) | SFr 26.-
www.kunstmann.de

Aufzaehlung Erläuterungen zur Bedeutung von Demenz und eingeschränkter Alltagskompetenz im System der ab 2017 gültigen Pflegegrade.

Aufzaehlung unser Beitrag über den Film An ihrer Seite mit Julie Chrstie.




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