RSS Feed abonnieren

[5.2.2009]

Irgendwie anders: Pflegebedürftigkeit

Ulla Schmidt konnte letzte Woche, nach mehrjähriger Vorbereitung, den Abschlussbericht des Beirats zur Neufassung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs entgegen nehmen. Darin schlägt ein Team von PflegewissenschaftlerInnen fünf statt drei Pflegestufen und ein neues Begutachtungsverfahren vor. Besonders die Bedürfnisse altersverwirrter Menschen sollen so in Zukunft besser berücksichtigt werden können.

Der SoVD-Präsident Adolf Bauer erklärte: "Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff ist eine Chance für eine bedarfsgerechtere Pflege. Statt einer Pflege im Minutentakt kann stärker auf den tatsächlichen Bedarf des Pflegebedürftigen eingegangen werden." Bisher hängt die Einstufung wesentlich vom bürokratisch ermittelten Umfang der Hilfleistungen ab. Künftig soll der Grad der Selbstständigkeit des Pflegebedürftigen entscheidend sein. Dazu wird ein komplexes Punkteschema vorgeschlagen, bei dem einzelne Bereiche auch noch unterschiedlich gewichtet werden. "Entscheidend ist für den SoVD: Niemand darf durch die Reform des Pflegebedürftigkeitsbegriffs schlechter gestellt werden. Es muss außerdem gesichert sein, dass die eigenständigen Leistungen der Eingliederungshilfe für behinderte Menschen in vollem Umfang erhalten bleiben", betonte der Verbandspräsident.
"Zukunftsfähig ist ein Pflegebedürftigkeitsbegriff, der alle körperlichen und geistigen bzw. psychischen Einschränkungen und Störungen umfasst sowie ein Bewertungssystem, das Lebens- und Bedarfslagen hilfe- und pflegebedürftiger Menschen flexibel erfasst und einen hohen Grad an Differenziertheit gewährleistet, aber auch Transparenz und Akzeptanz für die Betroffenen sicherstellt", so Dr. Jürgen Gohde, Vorstandsvorsitzender des KDA und Vorsitzender des 31-köpfigen Beirates.
Claus Fussek meint die Einstufung werde auch weiterhin ein Glücksspiel sein und führt aus, das Geld, das in der Pflege benötigt werde, sei jetzt an Banken und Autoindustrie verteilt worden. Oliver Tolmein titelt: "neue Begriffe, keine zusätzlichen Kosten" und fasst damit seine erste Einschätzung zu diesen Reformideen zusammen.

- Kommentar -
Wieso ein komplexes Punktesystem für Laien leichter verständlich sein soll, als die bisherige Minutenzählung kann niemand beantworten. Warum die Einordnung in fünf statt bisher drei Stufen mehr Rechtssicherheit bringen soll bleibt eine offene Frage.
Es ist eine positive Entwicklung, wenn die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen jetzt umfassender berücksichtigt werden. Ein zweiter Blick auf das vorgeschlagene Verfahren zeigt jedoch, dass psychische Probleme letztendlich nur geringen Einfluss auf die Einstufung haben. Auch in Zukunft sollen Menschen die 24 Stunden am Tag Unterstützung und Beaufsichtigung brauchen, aber in der Lage sind mit wenig Unterstützung die Körperpflege durchzuführen, nur geringe Leistungen aus der Pflegeversicherung bekommen.
Auch diese wissenschaftliche Auftragsarbeit ist nur Vorbereitung zu dem Gesetzgebungsverfahren, dass neue Mehrheiten nach der Bundestagswahl zu bestimmen haben. Sicher ist nur: es wird irgendwie anders.
Georg Paaßen

"Neue Perspektiven für die Pflege - Beirat zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs legt Bericht vor", Pressemitteilung des Ministeriums vom 29.1.2009
Claus Fussek auf WDR 5: "Pflegebedürftigkeit: Nicht mehr nur satt und sauber", vom 29.1.2009
"Näher an der Realität der Pflegebedürftigen", Pressemitteilung des KDA vom 29.1.2009
"Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff - Chance für bessere Pflege" Meldung auf kobinet über die Erklärung von Adolf Bauer (29.1.2009)
"Pflege: neue Begriffe, keine zusätzlichen Kosten" von Oliver Tolmein in seinem Blog "Biopolitik" (2.2.2009)
Unser Beitrag Reform der Pflegestufen vom 26.5.2009






[179]