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[30.10.2010]

Pflege statt/mit/trotz Technik

In den westlichen Gesellschaften sind die Geburtenraten seit den 70er Jahren gefallen. Es gibt also immer weniger Menschen, die ins Erwerbsleben eintreten. Gleichzeitig schafft der medizinische Fortschritt für immer mehr Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen Überlebensmöglichkeiten. Der Bedarf nach pflegerischen Hilfen wächst erheblich schneller als die Zahl der Menschen, die Pflegen können und wollen. Ein Ansatz um dieses Problem anzugehen ist der vermehrte Einsatz von technischen Hilfsmitteln in der professionellen Pflege, um den MitarbeiterInnen mehr Zeit für die Pflegebedürftigen zu geben.

In Bremen werden BewohnerInnen eines Altenheims mit Laptops ausgestattet. Michael Lawo (von Seiten der UNI Bremen am Projekt beteiligt) lässt Icons, die auf den Bildschirmen erscheinen, nicht nur einfach vergrößern, sondern teilweise auch so umgestalten, dass sie für unerfahrene Menschen leichter verständlich sind. Außerdem seien die Anwendungen, die die BewohnerInnen aufrufen können, abgespeckt. Weniger ist mehr. Das werde sogar auf einzelne NutzerInnen zugeschnitten, die dann ihr angepasstes "Profil" immer wieder aufrufen könnten. So werden Fotosammlungen zugänglich gemacht oder 90-jährige betreiben Videotelefonie. Auch Programme für's Gedächtnistraining werden gern genutzt.

Ein ganz anderer Ansatz kommt aus Japan. Dort wurde für hochgradig Demenzkranke Menschen eine Kuscheltier-Robbe entwickelt, die den Namen PARO bekommen hat. Sie ist mit Sensoren, Motoren für einfache Bewegungen, Mikrofonen und Lautsprechern ausgestattet. Sprechen und Streicheln lösen Bewegungen und Laute aus, die ein lebendes Tier nachahmen. Manche Menschen werden durch die Umgang mit PARO ruhiger - ganz ohne Medikamente. Im Internet wird die Kuschelrobbe für gut 4600 Euro angeboten. Die deutschen Anbieter von PARO weisen darauf hin, dass ein Einsatz im Rahmen einer Therapie nur sinnvoll ist, wenn auch das Personal geschult wurde. Außerdem wird für die komplizierte Technik ein Wartungsvertrag empfohlen. Immerhin: dieser Roboter ist schon auf dem Markt.

In Stuttgart wird versucht hoch qualifizierte Pflegekräfte von Routinetätigkeiten zu entlasten. "Lästige Transporte wie die Lieferung von Post, Wäsche oder neuer Getränke" werden dem "Transportsystem" CASERO überlassen, der ohne Begleitung im Haus umherfahren kann. Zur Bedienung gibt es einen Touchscreen und eine Schnittstelle zum Smartphone. Etwas eleganter ist der "Roboterassistent" Care-O-bot, der mit einem Tablett sogar Getränke zum Sitzplatz bringen kann. Die Tücke liegt, wie so oft, im Detail: "'Die Bewohner haben durchweg positiv auf den Roboter reagiert und schnell verstanden, dass sie den Becher vom Tablett nehmen sollen' ... Einziges Manko: Tatsächlich daraus getrunken haben sie nur selten. Eines der Ziele für die nächste Projektphase besteht nun darin, 'den Roboter überzeugender auftreten zu lassen, so dass er nicht nur als Zeitvertreib angesehen, sondern seine Aufforderungen zum Trinken von den Bewohnern auch ernst genommen'" werden, schreibt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. Es gibt Überlegungen mit Care-O-bot in Zukunft einmal Nachtwachen bei der Beobachtung von - hoffentlich schlafenden - PatientInnen zu unterstützen.

Schon heute gibt's reichlich Computer in der Pflege. Seit Jahren stehen PCs in den Stationszimmern. Sie dienen der Kommunikation innerhalb der Einrichtung und stützen die Pflegedokumentation. In der ambulanten Pflege werden Smartphones benutzt, um Tourenpläne und Einsatzzeiten zu dokumentieren. Die Wunddokumentation wurde durch Digitalkameras auf ein neues Level gehoben. Ein Maß wird an die Wunde gehalten und mit fotografiert. Ohne missverständliche Worte kann der Wundverlauf so eindeutig aktenkundig gemacht werden. Dieser Fortschritt birgt Risiken und hat Nebenwirkungen:
Während vor 10 Jahren Wunden fotografiert wurden, bei denen Komplikationen zu erwarten waren und die die besondere Aufmerksamkeit des Teams erforderten, ist es heute Standard jede Hautverletzung zu digitalisieren. Krankenkassen fordern ganz selbstverständlich Fotos an, wenn eine Wundversorgung abgerechnet wird. So erhöht sich der Dokumentationsaufwand bei Wundbehandlungen, die ansonsten routiniert und mit wenigen Worten zu beschreiben wären.
Es ist heute in vielen Krankenhäusern üblich, dass die PatientInnen Telefone am Bett haben - und bezahlen müssen. Bei Störungen sind die Pflegekräfte die erste Anlaufstelle. Auch "mal eben" Steckverbindungen prüfen oder die Chipkarte neu einführen braucht seine Zeit die dann für die Pflege fehlt. In den Stationszimmern bricht hin und wieder die Netzanbindung ab, der Drucker druckt nicht, oder die Patientenverwaltung versagt den Dienst. Vor dem Hilferuf an Technikabteilung wird erstmal herumprobiert. Brauchen die Stationen bald IT-Servicekräfte für Telefon, TV, W-Lan und PC?
Wenn der mit viel Geld beschaffte und angepasste Transportroboter das Team nicht ergänzt, sondern eine Hilfskraft ersetzen soll, bleibt am Ende weniger Zeit für die Pflege.
Auch die Schulungen, um mit den Geräten oder neuen Programmversionen umgehen zu können, brauchen Zeit. Zeit, die nicht für Pflege zur Verfügung steht.

Artikel über die Laptops im bremer Altenheim: Skypen mit den Enkeln
Das mit Sensoren ausgestattete Kuscheltier PARO wird bereits in Deutschland verkauft: www.team-paro.de
„Bitte drück mich!“ Kann ein Kuschelroboter Demenz-Therapeut sein? ein Artikel aus der Ärzte Zeitung über PARO in der Betreuung Demenzkranker.
WiMi-Care Projektseite; dort werden die Versuche mit Care-O-bot und CASERO koordiniert.
Robbie, bitte übernehmen Sie! Artikel des Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung zum Projekt in Stuttgart
Unser Artikel Nur Hilfsmittel? der auch "My Spoon" vorstellt, vom 6.1.2007
Unser Artikel vom 29.1.2009 zum System Care-O-bot





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