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[12.3.2011]

Aggression im Altenheim

Demenzerkrankungen können Menschen in sehr unterschiedlicher Art einschränken und Betroffene können darauf in sehr unterschiedlicher Weise reagieren. Schreien, stoßen, beleidigen, kratzen aber auch ständiges herumgehen werden als aggressive Verhaltensweisen gesehen. Norbert Seidl hat erforscht, unter welchen Bedingungen solche Verhaltensweisen vermehrt auftreten und wie damit umgegangen werden kann. Herausgekommen ist seine Doktorarbeit, die auch als 225-seitiges Buch erschienen ist.

Der Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit von Norbert Seidl "ist die Überlegung, dass Frustrationen, die Bewohner im Versorgungsalltag erleben, und Reaktionen hierauf in Form von Ärger oder Wut entsprechende Aggressionen auslösen" (Seite 4).

Im Alltag werden allgemein Schlagen und Schreien als aggressive Verhaltensweisen gesehen. Menschen, die sich selbst kratzen oder mit Zähnen malträtieren, müssen sicher auch hinzugezählt werden. Für die Untersuchung des Verhaltens von dementiell mehr oder minder veränderten Menschen ist dies zu unscharf. Sie können oft weder in nachvollziehbarer 'wenn-dann-Logik' noch zielgerichtet handeln. "Aggressives Verhalten kommt in einem breiten Spektrum von Verhaltensweisen zum Ausdruck, das von allgemeiner Rastlosigkeit bis zu sexuellen Annäherungsversuchen reicht." (Seite 110) In einer Liste mit 36 Punkten, die für die Studie benutzt wurde, fasst Seidl auch "seltsame Geräusche machen", "Klagen/Jammern", "Einfordern von Aufmerksamkeit", "Gegenstände werfen", "Unpassendes An- Auskleiden", "Ungenießbare Substanzen essen/trinken" oder "Absichtliches Hinfallen" unter aggressive Verhaltensweisen.

Für die genauere Untersuchung müssen "Einflussfaktoren" "operationalisiert" werden, um vergleichen und überprüfen zu können (S. 69-70). So wird in der Beschreibung des methodischen Vorgehens auch deutlich, dass Seidl nicht über Verhaltensweisen oder Annahmen schreibt, die er nicht quantifizieren kann. Diese Beschränkung bringt auch Vorteile: die nötigen Beobachtungen von Demenzkranken müssen nicht von Wissenschaftsprofis gemacht werden, die von Außen kommen und immer nur einen beschränkten Einblick haben. Seidl konnte Pflegekräfte, die auf den Wohnbereichen arbeiten, schulen und deren Aufzeichnungen verwenden (vergleiche Seite 83). Für diese Arbeit hat Seidl Informationen über 248 Menschen ausgewertet (Seite 92). Dabei kommt zum Beispiel heraus: "Die 76 Prozent der Bewohner, die in ihrer Nachtruhe durch geplante pflegerische Maßnahmen gestört wurden … entwickelten signifikant häufiger … aggressives Verhalten" (Seite 131). Feststellungen wie diese trifft Seidel für verschiedene Umstände, die aggressives Verhalten dämpfen oder fördern können. Das ist für die Planung der Pflege sehr interessant, da Hinweise auf Problemschwerpunkte abgeleitet werden können. So kann mehr Personal eingesetzt, oder vielleicht auch weniger belastende Arbeitsabläufe geplant werden. Es stellt sich aber auch die Frage nach Henne oder Ei: Die geplanten nächtlichen Pflegemaßnahmen finden in der Regel nur statt, weil ohne solche Hilfen die Situation noch schwieriger würde. Zeigen vielleicht die Menschen die nächtliche Hilfen brauchen von vorn herein eher aggressive Verhaltensweisen, als die Vergleichsgruppe?
Seidl fragt an anderer Stelle, ob das Geschlecht der Pflegebedürftigen oder die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte aggressives Verhalten beeinflusst. Für beides kann er keine Belege in seinen Zahlen finden. Ganz deutlich wird aber, dass Kommunikationsfähigkeit und soziale Kontakte erheblich dazu beitragen, aggressiven Verhaltensweisen entgegenzuwirken.

Dieser Band ist eine anspruchsvolle wissenschaftliche Arbeit. Etwa die Hälfte meiner Zeit mit dem Buch verbringe ich damit die Struktur zu begreifen und die Erklärungen zu Begriffen und Methoden zu lesen. Doch solcher Aufwand ist für den Autor unvermeidlich, der nicht in der Schublade "amerikanische Wissenschaftler haben bewiesen …" und damit in völliger Beliebigkeit versacken möchte. Die Arbeit mit dem Buch wäre weniger mühsam, wenn der Verlag ein ein paar Seiten für ein Stichwortregister spendiert hätte.

Der Ansatz dieser Doktorarbeit ist messen und vergleichen. Es wäre sehr hilfreich, wenn die Ergebnisse dieser Untersuchung ergänzt werden könnten um Praxiserfahrungen von Pflegenden. Was empfinden Menschen, die in Altenheimen leben und arbeiten als Aggressiv oder belastend? Was denken sie zu Auslösern und Gründen? Welche Handlungsmuster haben sich in der Praxis als erfolgreich erwiesen, um Demenzkranken aus aggressivem Verhalten heraus zu helfen? Eine Sammlung von Interviews mit Beispielen für "Best Practice" wäre sehr zu wünschen.

Alle, die sich systemtisch mit der gerontopsychiatrischen Pflege beschäftigen, können in dieser Arbeit wichtige Hinweise für die individuelle Pflegeplanung und auch für die Arbeitsorganisation finden. Sicher lassen sich die Studienergebnisse auch nutzen, um die Verhandlungsposition der Pflege zu stärken, wenn es um Personalschlüssel oder Pflegesätze geht.

Der Verlag informiert, das in dieser Reihe der Titel:
"Soziale Frühwarnsysteme zur Gewaltprävention in häuslichen Altenpflegearrangements“
in Vorbereitung ist. Das ist thematisch eine sinnvolle Ergänzung.

Norbert Seidel:
"Aggressives Verhalten in Altenpflegeheimen. Eine Untersuchung von Erscheinungsformen, Einflussfaktoren und Versorgungserfordernissen bei kognitiv beeinträchtigten Menschen in der stationären Versorgung",
Band 19 in der "Bonner Schriftenreihe "Gewalt im Alter",
erschienen im Mabuse Verlag, Frankfurt am Main, 2011, 225 Seiten, 24,90 Euro
www.mabuse-verlag.de



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