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[17.7.2012]

Wenn der Arzt keine Hausbesuche macht ...

Pflegebedürftige, die im Heim leben, müssen auch manchmal zum Facharzt. Manche von Ihnen können das nicht allein bewältigen und brauchen Begleitung. Das kann schnell zwei Stunden in Anspruch nehmen: noch mal zur Toilette, Hilfen beim Ankleiden, raus zum Taxi, rein in die Praxis, Wartezimmer ... und das ganze Retour. Zum Glück gibt es viele Angehörige oder Ehrenamtliche, die zu solchen Hilfen bereit sind. Doch wer kommt dafür auf, wenn bezahlte Angestellte die Begleitung übernehmen müssen?

Eines der Grundrechte im deutschen Gesundheitssystem ist die freie Wahl von Arzt, Apotheke oder Therapieeinrichtung. In der Realität ist es mit der Wahlfreiheit oft nicht weit her: Wer zum Beispiel gehbehindert ist, kann Einrichtungen ohne Fahrstuhl nur schwer erreichen. Krankentransporte sind zwar denkbar, für alle Beteiligten aber eine große Belastung. Eigentlich sollen bei Bedarf die Behandelnden nach Hause kommen. Das ist oft nicht sinnvoll, weil nötige Gerätschaften nicht transportabel sind; öfter bieten ÄrztInnen schlicht keine Hausbesuche an. Das schränkt die Freiheit der Wahl weiter ein.
Manchmal ist ein Praxisbesuch aber auch für gehbehinderte oder verwirrte Heimbewohner unumgänglich. Die Krankenversicherungen sind bei der Finanzierung von Krankentransporten mit einer Ablehnung schnell bei der Hand ... und eine Begleitung bis ins Behandlungszimmer wird fast nie finanziert. Die Altenheime sprechen dann Angehörige an. Manchmal ist es möglich Ehrenamtliche für solche Begleitungen zu gewinnen. Als es sie noch gab, wurden Zivildienstleistende mitgeschickt. Doch wer bezahlt die Mitarbeiterstunden, für die Begleitung durch Angestellte? Es sei kaum möglich, dass über die Tagessätze auf alle im Haus umzulegen, schreibt das Kuratorium Wohnen im Alter (KWA), ein Betreiber mehrerer Seniorenwohneinrichtungen in Süddeutschland. So hat man einen Teil der Kosten für solche Begleitungen den BewohnerInnen direkt in Rechnung gestellt. Weil dieses Vorgehen von der zuständigen Heimaufsicht bemängelt wurde, kam es zu einem Gerichtsprozess und der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim hat entschieden. Für dieses Bundesland gilt nun bis auf weiteres: Es spricht verwaltungsrechtlich nichts dagegen, dass Seniorenheime Begleitungen zum Arzt in Rechnung stellen. So hat das Gericht ein bürokratisches Teilproblem für ein Bundesland geklärt.
Die eigentlichen Probleme sind damit selbstverständlich nicht gelöst: Wie kann es gelingen mehr ÄrztInnen dazu zu bringen zu ihren PatientInnen zu gehen? Warum übernehmen die Kassen nicht die Kosten für die not-wendigen Transporte und Begleitungen? Können die Sozialämter einspringen, wenn Menschen kein Geld haben?
Oder grundsätzlich: Wie kann es gelingen Menschen, die gebrechlich sind, die oft an mehreren Erkrankungen leiden und häufig auch dementiell eingeschränkt sind, die medizinische Versorgung zukommen zu lassen, die ihnen zusteht?
 

KWA erringt Präzedenzentscheidung: Begleitung zum Arzt darf in Rechnung gestellt werden!, Pressemeldung des Kuratoriums Wohnen im Alter (KWA) vom 12.7.2012
Unser Beitrag "Mit dem Rollstuhl in die Praxis" vom 11.8.2007
Barrierefrei zum Arzt, unser Beitrag vom 29.12.2008
Beiträge zum Thema ärztliche Versorung in Altenheimen auf www.pflegepolitik.wordpress.com.

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