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[23.5.2013]

Pflegequalität messen

Die Pflegenoten für Altenheime und ambulante Dienste werden seit Jahren von Politik und Fachkreisen debattiert. Mit dem bestehenden System ist niemand wirklich zufrieden. Auf den zweiten Blick erweist sich, dass es erstaunlich schwierig ist, Qualität pflegerischer Arbeit zu definieren oder für Vergleiche messbares zu finden.

Peter Griffiths ist Professor für Gesundheitswissenschaft und Herausgeber des "International Journal of Nursing Studies". In einem Interview weist er darauf hin, dass seit langem versucht wird, Pflegequalität zu verstehen. Es sei unstrittig, dass die Handlungen von Pflegekräften großen Einfluss auf die Heilungschancen haben.
Um die Schwierigkeiten zu verdeutlichen beschreibt er die Qualitätsmessungen in der Herzchirurgie. Die Sterblichkeitsrate ist hier ein brauchbarer Indikator. Es gibt eine ziemlich direkte Beziehung zwischen den Handlungen der OP-Teams und der Zahl der Verstorbenen. Die Eingriffe bergen ein tödliches Risiko und "Tod" wie "Überleben" lassen sich leicht in Zahlen ausdrücken. Aber wenn die Arbeit des Pflegeteams einer Krankenhausstation beurteilt werden soll, gibt es nicht DAS einzelne, messbare Ergebnis. Für die meisten Patienten ist das Sterberisiko beinahe gleich null. Es wurde und wird versucht anhand der auftretenden Druckgeschwüre Antworten zu finden. Aber es erweist sich als sehr kompliziert brauchbare, vergleichbare Messungen durchzuführen. Zum Beispiel hängt die Beurteilung der Schwere eines Dekubitus sehr von der Meinung der Person ab, die die Messung durchführt. Ein junger Erwachsener, der zur Blinddarmentfernung ins Krankenhaus kommt, hat praktisch kein Risiko einen Dekubitus zu bekommen. (Gäbe es dieses Problem doch, wäre etwas fürchterlich schief gelaufen.) Das Dekubitusrisiko eines über 80jährigen mit Hüftoperation dagegen ist erheblich - völlig unabhängig von der Arbeit der Pflegenden. Forschungsgruppen haben keine belastbaren Daten, die sie zur Auswertung nutzen könnten - und manche Druckgeschwüre werden auch nicht dokumentiert. Dagegen ist es möglich verlässlich zu erfassen, ob auf einer Station konsequent das Dekubitusrisiko (zum Beispiel mit Werkzeugen wie der Braden-Skala) erfasst wird, aber es gibt keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu, wie sich die alleinige Risikoerfassung auf den Zustand der Pflegebedürftigen auswirkt.
Soll die Zufriedenheit der Patient*innen erfasst und gemessen werden, wird es auch nicht einfacher. Wenn alle außer einer Pflegekraft zur Zufriedenheit agieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Ergebnis der Befragung sehr positiv ausfallen wird. Die schlechten Erfahrungen werden dann nicht erfasst. Professor Griffiths berichtet eine Anekdote aus einer über Monate dauernden Reihe von Befragungen in Krankenhäusern. Die Patientin sagte, sie sei "sehr zufrieden" mit der Pflege: "Die Schwestern sind immer so freundlich, nur haben sie manchmal keine Zeit, um mir zur Toilette zu helfen."
Ähnliche Schwierigkeiten bei der "Messung" der Zufriedenheit der Pflegebedürftigen haben sich auch bei einer Studie zu den Pflegenoten gezeigt: beinahe unabhängig von den Beobachtungen der Prüfteams sind die Noten zur Zufriedenheit von Angehörigen und Bewohner*innen meistens "sehr gut".

In einem Kommentar zum Interview mit Professor Griffiths wird darauf hingewiesen, dass es einige Studien gibt, die zeigen, dass die Pflegequalität von der Zahl der Pflegekräfte pro Patient abhängt. Andreas Westerfellhaus von Deutschen Pflegerat sagt in einem Interview im Mai 2013: "Im Mittelpunkt der Bewertung muss stehen, wie viel Zeit für einen Pflegebedürftigen, für seine Mobilisation aufgewendet wird, und wie viele Fachkräfte in dem Heim arbeiten."

Can we measure the quality of nursing?, Interview mit Peter Griffiths auf www.health.org.uk (Dezember 2012, englisch).
Pflegerat-Präsident Westerfellhaus fordert Neuausrichtung des Bewertungssystems, Interview mit Andreas Westerfellhaus in der Saarbrücker Zeitung (22.5.2013).
Mehr zu den bestehenden Regelungen der Qualitätsprüfungen in der Altenpflege auf unseren Seiten www.pflegenoten.info.
Der Caritasverband Münster unternimmt seit 2011 einen Praxistest mit "Pflegenoten 2.0". Unser Artikel vom 19.4.2012 dazu: Pflegequalität vergleichbar machen.

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