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[17.9.2013]

Erst schlecht, dann keine Besserung, jetzt Schließung

In Meerbusch bei Düsseldorf sollen zwei Altenheime von der Heimaufsicht geschlossen werden, berichtet die Rheinische Post. Pflegebedürftige und Angehörige werden vom Träger "im Regen stehen gelassen". Die "Pflegeaktivisten" Claus Fussek (München) und Werner Schell (Neuss) haben sich mit der Situation befasst: wegen der schlechten Pflege werden strafrechtliche Konsequenzen gefordert.

Wenn Pflegebedürftige nicht so versorgt werden wie es notwendig ist, wenn sogar schon die Staatsanwaltschaft ermittelt, bekommt die Öffentlichkeit oft sehr wenige Informationen. In Meerbusch ist das zur Zeit anders, weil die Lokalpresse und auch der rührige Werner Schell sehr engagiert sind. So ist es möglich, sich wenigstens einigermaßen ein Bild davon zu machen, was dazu führte, dass wahrscheinlich am 30. November 2013 in zwei Altenheimen das Licht ausgeht.

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hatte bereits im November 2012 bei der Prüfung zur Pflegenote der "Medina Meerbusch GmbH" und der "Seniorenwohnpark Meerbusch GmbH" zahlreiche Felder mit mangelhaft beurteilt:
- bei "Einschränkungen der selbstständigen Nahrungsversorgung" seien nicht die "erforderlicher Maßnahmen" ergriffen worden.
- für "freiheitseinschränkende Maßnahmen" lagen zum Teil keine Einwilligungen vor.
- die Vorbeugung gegen Stürze und Druckgeschwüre entsprach nicht den Anforderungen ...
Sogar über Schwierigkeiten bei der Sicherheit wird berichtet: Im Dezember und Januar seien bei der Polizei fast wöchentlich Diebstahlanzeigen aus den beiden Häusern eingegangen. Nach Bekanntwerden der Ergebnisse der Qualitätsuntersuchung im Januar 2013 wurde der Heimleiter vom Träger, der Marseille Kliniken AG, entlassen. Dem Nachfolger in der Heimleitung ist es offensichtlich nicht gelungen, die Situation deutlich zu verbessern. Das schon 2012 von der Heimaufsicht verhängte Verbot, neue Bewohner aufzunehmen, besteht weiter. Schon im April, nach drei Monaten, warf er das Handtuch.
Im Januar berichteten Medien, sei durch die Heimaufsicht zum Teil "katastrophale" Pflege, schlechte hygienische Verhältnisse und Mängel in der medizinischen Versorgung beanstandet worden. In den letzten Monaten sei die Heimaufsicht, so informiert der Rhein-Kreis-Neuss, 36 mal vor Ort gewesen. Dabei wurden immer wieder Mängel in der Pflege festgestellt. Am 9. September gibt's einen Antrag in der Lokalpolitik in dem von "akuter Gefahr für Leib und Leben der Bewohner" geschrieben wird. In der Zeitung ist zu lesen, dass "Diabetes-Patienten nicht ausreichend Insulin erhalten" hätten und "Medikamente, etwa zur Blutgerinnung" seien unregelmäßig gegeben worden.
Der Träger der Einrichtungen, die bundesweit tätige Marseille Kliniken AG, schreibt, man arbeite "mit Hochdruck an der Behebung der Mängel". Die Aktiengesellschaft (Umsatz 2011/12: 195 Mio €) hat aber offensichtlich nicht die Mittel, um die seit zehn Monaten aktenkundigen, skandalträchtigen Missstände zu beheben. Bei vielfachen Prüfungen von Heimaufsicht und MDK wurden immer wieder gravierende Mängel festgestellt. Die Marseille Kliniken AG ist jetzt, mit einer öffentlich bekannten "Schließungsandrohung" vor Augen, in der Lage, dem zuständigen Mitarbeiter der Heimaufsicht Befangenheit vorzuwerfen und den allgemeinen Mangel an Pflegefachkräften zu beklagen.
Die Heimaufsicht weist darauf hin, dass in vielen Monaten viele Gespräche statt gefunden hätten. Das habe nicht zu nachhaltigen Verbesserungen geführt. Die Häuser bräuchten einen "Neustart".
In einer Pressemitteilung des Kreises ist zu lesen: "Für die 100 Heimbewohner und deren Angehörige sowie für die gesetzlich bestellten Betreuer ... hat das Kreissozialamt ab sofort eine Hotline mit den Rufnummern 02181/601-5000, -5019, -5030 eingerichtet. Von montags bis freitags in der Zeit von 8 bis 18 Uhr sollen dort Fragen zur Heimschließung und deren Folgen für die Betroffenen beantwortet werden.

Claus Fussek "hält die Kontrollen der Medizinischen Dienste für zu lasch und fordert strafrechtliche Konsequenzen".
Werner Schell verweist darauf, das in einer ähnlich schwierigen Situation im Mönchengladbach, der Träger couragiert durchgegriffen, externe Leitungen dazu geholt habe und so die Situation für die Pflegebedürftigen erheblich verbessern konnte. Das machte damals eine Schließung überflüssig.

Kommentar:
Heute, am 17. September, läuft das Verfahren und der Ausgang ist ungewiss. Man kann sich schwer vorstellen, was diese Unsicherheit für Bewohner, Angehörige und Angestellte bedeutet.
Schon jetzt ist klar, dass es ungeheuer aufwendig ist, im Dschungel der deutschen Bürokratie für "gute Pflege" und die Interessen der Pflegebedürftigen zu streiten: ein System, bei dem 36 Vorfälle in wenigen Monaten nötig sind, bevor durchgegriffen werden kann, ist ein fast zahnloser Tiger. Klar ist auch, dass die Qualitätsprüfungen durch Heimaufsicht und MDK besser miteinander zu koordinieren sind.
Pflegequalität braucht klare, für alle Beteiligten nachvollziehbare Regeln, die an den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen ausgerichtet sind. Dann können Verstöße hoffentlich eindeutig festgestellt werden. Dann können Zwangsmaßnahmen nachvollziehbar gerechtfertigt werden. Von solchen Verhältnissen sind wir noch weit entfernt.
Georg Paaßen

 

Altenheimschließungen in Meerbusch: Rhein-Kreis Neuss schaltet Hotline für Bewohner und Angehörige, Pressemitteilung des Rhein-Kreis Neuss vom 17.9.2013.
Es wird kollektiv weggeschaut, Artikel in der Rheinischen Post vom 16.9.2013.
Bericht des WDR Regionalfernsehens zur Situation der Häuser in Meerbusch (Das Thema beginnt ab 7:15 Min.)
Seniorenwohnpark und Medina werden geschlossen, Artikel in der Rheinischen Post vom 13.9.2013.
Seniorenwohnpark: Heimleiter wirft hin, Artikel in der Rheinischen Post vom 18.4.2013.
Mit einigem Elan lässt sich auf den Internetseiten der Einrichtungen eine Stellungnahme des Trägers finden: Statement der Marseille-Kliniken AG zur Schließungsandrohung des Seniorenwohnparks (SWP) Meerbusch und Medina Meerbusch, Pressemitteilung vom 12.9.2013.
Aktenkundig wurden massive Mängel im November 2012. Am 13. Februar 2013 prüfte der MDK erneut. Die daraus entstandenden "Pflegenoten" (Transparenzberichte) sind im Internet veröffentlicht:
Medina Bericht zu den Pflegenoten
Wohnpark Meerbusch Bericht zu den Pflegenoten
Selbstdarstellung der Marseille-Kliniken AG zum Qualitätsmanagement (Seite besucht am 17.9.2013).
Werner Schell hat auf seinen Internetseiten viele Informationen zum Thema zusammengestellt und wird voraussichtlich auch in den nächsten Wochen "am Ball bleiben".
Mehr zum Thema Qualitätssicherung in der Altenpflege finden Sie auf unseren Seiten www.pflegenoten.info.

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