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[15.7.2014]

Design ist für alle da

Die Gestaltung von Verpackungen, Werkzeugen oder Möbeln kann den Menschen einiges abfordern. Flaschen, die kaum aufzudrehen sind, Kugelschreiber, die durch die Finger rutschen oder Schränke, deren obere Fächer nur von einer Leiter aus erreichbar sind. Wer Rheuma in der Händen hat, mit der Feinmotorik kämpfen muss oder nur unsicher gehen kann, wird vom Produktdesign schon mal vor unüberwindbare Hürden gestellt. Weniger Barrieren im Alltag würden aber allen helfen. Die Fachleute diskutieren das unter der Überschrift: Universal Design.

Herwig stellt seinem Buch fünf Thesen voran. Eine davon ist: "Wir werden nicht den Rollator aerodynamischer machen, sondern Räume und Häuser für alle zugänglich."
Auf dieser Grundlage werden im Buch Ideen beschrieben, die nicht darauf abzielen, Defizite von Menschen mit Behinderung auszugleichen, sondern alle Menschen möglichst wenig zu behindern.
Es werden Konzepte für ganze Küchen vorgestellt (Seiten 120-126). Da gibt es integrierte, verschiebbare Sitze oder Wasserhähne. Vorratsbehälter oder Schubladen für Getränke werden so eingebaut, dass sie im Sitzen gut erreichbar sind. Oberschränke können mit wenig Kraftaufwand abgesenkt werden. Viele Details klingen interessant und werden bei Markenküchenherstellern verwendet.
Es werden Entwürfe für Sprudelfalschen gezeigt, die eine Hilfe zum öffnen mitbringen (Seiten 109-111). Deckel von Marmeladengläsern könnten um eine Lasche ergänzt werden, die es erlaubt einen Hebel anzusetzen (S. 105). Haben Sie sich schon mal fest vorgenommen, mehr zu trinken, weil überall steht, dass das der Gesundheit zuträglich ist: eine Kombination aus Wasserflasche mit Sensoren und Armreif (Seite 57) könnte sie regelmäßig erinnern, wenn Sie selbst mal wieder nicht ans Trinken denken.
Dem Autor geht es jedoch weniger um die vielen einzelnen Produkte, sondern mehr um die Ziele, die das Design beeinflussten. So zitiert er Otto Buchegger mit dem Satz: Viele "Produkte lassen die Menschen wie Idioten aussehen." (Seiten 32-33).
Herwig orientiert sich im Buch an Designkonzepten, die mit Blick auf Menschen über 50 entwickelt werden. Er zitiert die soziologische Erkenntnis, dass die Konsumwünsche in kaum einer Gruppe so heterogen seien wie bei den Alten. Wenn die Bedürfnisse der Einzelnen aber kaum vorhersehbar sind, kann eigentlich nur Universal Design, also das Bestreben, es so vielen wie möglich so leicht wie möglich zu machen, die Antwort sein.
Herwig streicht heraus, dass die Generation 50+ oft recht anspruchsvoll einkauft. Viele Alte geben ihr Geld gern aus, achten aber darauf, dass sie genau das bekommen, was sie wollen. Daraus folgert er, dass Produkte, die sich hier gut verkaufen lassen, auch sehr viele andere Menschen zufrieden stellen werden.
Dass das Buch vor einigen Jahren geschrieben wurde, zeigt sich zum Beispiel, wenn es um die Touchscreens von Smartphones geht, die ihre Alltagstauglichkeit erst beweisen müssten (Seiten 94-97). Es hat was, derlei im Jahr 2014 zu lesen.
Im Kapitel 70 über Nacht: Einkaufen im Simulationsanzug beschreibt Herwig Erfahrungen, die im Supermarkt warten, wenn jemand in der Wahrnehmung und Beweglichkeit massiv eingeschränkt ist. Wer nicht selbst mal einen solchen Anzug tragen kann, wird das gern lesen.

Billig können wir uns nicht leisten! Dieser Spruch kursierte schon an den Kaffeetischen unserer Großeltern. In diesem Sinne ist zu überlegen, ob die praktisch gestalteten, leider oft hochpreisigen Produkte, die im Buch besprochen werden, nicht doch preiswert sind: Vieles macht einfach Freude beim Benutzen, manches wirbt mit Haltbarkeit.
Interessant könnte dieses Buch auch für Leute sein, die sich grundsätzlich für Design interessieren. Oliver Herwig leitet an mehreren Stellen seine Überlegungen aus Grundlagen ab. In seiner Formulierung "Wer Design als Schöpfungsmythos begreift, als titanische Anstrengung menschlicher Demiurgen, die neue Welten schaffen, das große Ganze denken und von der Stadt bis zum Kaffeelöffel hierarchisch alles durchdeklinieren und organisieren" (Seite 101) schwingt vielleicht auch etwas Ironie mit. Sie spiegelt vielleicht auch wieder, zu welch intellektuellen Höhenflügen in einem Designstudium abgehoben wird.

Ich warne Sie: Herwig schöpft aus einer Vielzahl von Quellen, und zu vielen davon gibt er Internetlinks an. Sollten Sie neugierig sein, werden Sie viele interessante Stunden mit dem Buch und beim Surfen verbringen.

 

Oliver Herwig: Universal Design. Lösungen für einen barrierefreien Alltag, Birkhäuser Verlag (Basel, Boston, Berlin), Fester Einband, 176 Seiten, 2008 [Details (Verlag)] (Der Titel wird auch im pdf Format angeboten).
Wir haben uns bemüht bei der Konzeption dieser Internetseiten darauf zu achten, möglichst wenige Barrieren einzubauen [... mehr].
Wie können Produktverpackungen aussehen, die die spezifischen Wünsche und Bedürfnisse älterer Menschen berücksichtigen, ohne sich in Gestalt und Funktion auf diese Nutzergruppe zu beschränken? Internetseiten zum Wettbewerb pack aus, pack ein, pack zu. Neue Verpackungen für Alt und Jung (~ 2007).
Artikel Universal Design in der Wikipedia Wikipedia Logo.
Förderung für altersgerechte Umbauten erhalten, unser Beitrag auf www.pflegegrad.info vom 8. September 2016.

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