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[10. August 2015]

Gesund und fit mit APP?

Zahlen, Daten, Fakten ... vermitteln das Gefühl von Sicherheit in unsicheren Situationen. Wer sich wegen Gesundheitsrisiken Sorgen macht oder schon krank ist, gehört zur Zielgruppe von GesundheitsAPPs für's Smartphone. Sie versprechen wichtige Informationen über den eigenen Körper zu speichern und ansehnlich auf's Display zu zaubern. Versicherungen machen beim Trend mit und bieten Prämien für fleißiges Selbstvermessen. Der Sozialverband Deutschland nimmt solche Entwicklungen als Anlass zur Mahnung.

„Den Herzschlag im Schlaf, die Anzahl der Fußschritte am Tag, die Denkleistung vor und nach Koffeingenuss – immer mehr Menschen sammeln fortlaufend Daten über ihre Freizeitaktivitäten, ihre Ernährungsgewohnheiten und ihre Gesundheit. Moderne Technik macht es möglich: Smartphones und entsprechende APPs zeichnen – wenn erwünscht – rund um die Uhr individuelle ‘Lebensdaten’ auf. Entsprechend boomt der Markt für Computerprogramme zur Selbstvermessung ... Über die Analyse persönlicher Statistiken soll der eigene Lebensstil optimiert werden ...
Versicherungskonzerne und Krankenkassen beobachten den Selbstvermessungstrend mit großem Interesse. Aus ihrer Sicht sind die persönlich gesammelten Daten in hohem Maße geeignet, neue Anreizsysteme für Tarife zu schaffen und das Verhalten von Kunden zu beeinflussen, und zwar weit über die bereits gängigen Bonussysteme hinaus. Insbesondere auch für Privatversicherer, die schon lange um junge und gesunde Versicherte konkurrieren, ist ein solches Anreizsystem attraktiv.
Aber auch gesetzliche Krankenkassen wagen erste Vorstöße: So hat zum Beispiel die AOK Nordost ein ‘Selftracking’- Pilotprojekt ins Leben gerufen. Dabei kooperiert die AOK als eine der ersten deutschen Krankenkassen mit einer Plattform, auf der Nutzerinnen und Nutzer persönliche Daten wie Gewicht und Größe, gesunde Ernährung, Schlaf und Stress vermessen und eingeben. Die Messwerte werden anschließend miteinander in Beziehung gesetzt und in einen ‘Health Score’ umgerechnet. Vor allem junge Versicherte sollen auf diese Weise zu einem gesunden Lebensstil angehalten werden. Auch die DAK (Deutsche Angestellten Krankenkasse) bietet ihren Mitgliedern eine kostenlose APP für das Smartphone an. Wer seine Versicherungsnummer angibt und hier Gewicht und sportliche Aktivitäten verzeichnet, kann über ein spezielles Bonusprogramm über 150 Euro an Versicherungsgebühren sparen. Einen speziellen Tarif für die Nutzerinnen und Nutzer von Fitness-Apps plant auch die Generali-Versicherung. Wer sich vermessen lässt, bekommt Bonusprämien.

Die Pilot-Projekte rufen Datenschützer auf den Plan. Sie raten dazu, vorsichtig mit persönlichen Daten im Netz umzugehen. Wichtig sei vor allem die Freiwilligkeit beim ‘Selftracking’. Menschen, denen ihre Privatsphäre wichtig sei, dürften keine Nachteile entstehen. Auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe warnte nach einem Bericht der Deutschen Nachrichtenagentur dpa vor einem ‘unbekümmerten Umgang mit GesundheitsAPPs’...
Umstritten ist das ‘Selftracking’ auch bei Psychologen: Denn mit der pausenlosen Selbstvermessung des eigenen Gesundheitszustandes wächst nicht allein der Druck, Privates offenzulegen, sondern auch, alles richtig machen zu müssen – nicht zuletzt auf Kosten der Selbstbestimmtheit.

Infrage gestellt wird mit solchen Anzeizsystemen einmal mehr auch die Solidargemeinschaft.
So sind sozial benachteiligte Menschen schon aufgrund ihrer finanziellen Situation häufig nicht in der Lage, sich im gleichen Maße gesund zu ernähren wie finanziell besser gestellte Menschen. Auch chronisch kranke und ältere Menschen dürften kaum imstande sein, sich an entsprechenden Fitness-Programmen mit gleichen Chancen zu beteiligen.“
Hier könnte leicht die Grenze zwischen Anreizen für gesundheitsbewusstes Verhalten und Strafen für diejenigen, die nicht mithalten wollen oder können, überschritten sein.

Kommentar:
Wer zum Beispiel erhöhten Blutdruck hat, kann bequem Messwerte mit einer APP speichern, wenn das Smartphone ohnehin meist in Reichweite ist. Schwieriger wird es, wenn die vielen Werte in der Arztpraxis gezeigt werden sollen. Meist ist dann doch Papier nötig. Oft muss dazu abgeschrieben werden, was das Display anzeigt. Nach einigen Jahren, mit einem neuen Smartphone und mehreren Versionssprüngen der Software, ist es oft schwierig die heute gespeicherten Daten noch zu sehen zu bekommen. Das kann, wenn Stift und Zettel verwendet werden, selten zum Problem werden. Wenn Sie Messwerte mit einer Software erfassen, die ein verbreitetes Dateiformat verwendet, ist es auch ziemlich wahrscheinlich, dass die Messwerte auch nach fünf oder zehn Jahren noch entschlüsselt werden können. Außerdem entscheiden Sie dann selbst, wo Ihre Daten gespeichert werden.
Bei den meisten APPs ist es unmöglich abzuschätzen, wer alles Zugriff auf die Daten haben wird. Zum Beispiel: Datenspuren auf Servern von Versicherungskonzernen könnten in vielen Jahren wichtig werden, falls zu klären wäre, ob jemand beim Abschluss einer Lebensversicherung alle relevanten Krankheiten angegeben hat...
Es ist abzuwägen: Habe ich persönlich mehr Vor- als Nachteile durch die Nutzung von GesundheitsAPPs und Werbegeschenken? Hat meine Entscheidung für die smarten Versicherungsprogramme vielleicht negative Folgen für andere Versicherte?
Georg Paaßen


Rund um die Uhr vermessen?, Pressemitteilung des SoVD.
Volker Pispers 1993 Klassiker - Krankenkassen Risikogruppen. Der Kabarettist überzeichnet die möglichen Auswirkungen von Verhaltensbeobachtungen und Strafprämien durch Krankenversicherungen (YouToube Video).
GesundheitsAPPs, unser Beitrag vom 6. Januar 2014.
DiabetesAPPs, unser Beitrag vom 14. Januar 2014.

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